29.1.07

M - EINE STADT SUCHT EINEN MÖRDER als Hörspiel erschienen

Das komplexeste Drehbuch, das Thea von Harbou je geschrieben hat, war für den Film M – EINE STADT SUCHT EINEN MÖRDER (1931) (Regie: Fritz Lang). Der Film skizziert mit suggestiven Bildern, wie eine Mordserie an Kindern eine Stadt in Angst und Schrecken versetzt, wie dadurch Verfolgungswahn und latenter Hass freigesetzt werden. Da der Mörder die alltägliche Ordnung, auch die der Kriminellen, auf das Empfindlichste stört, wird er nicht nur von der Polizei, sondern auch von der Unterwelt gejagt - und gefasst.
In dem Anfang 2007 im AUDIO VERLAG erschienenen gleichnamigen Hörspiel werden um die Originalstimmen der beiden Schauspieler Peter Lorre und Gustaf Gründgens neuinszenierte Szenen gebaut und zusammen mit einer zwischen historischen Stilzitaten und elektronischen Clicks & Cuts oszillierenden Musik zu einer zeitgemäßen Erzählform verwoben. Ins Hörspiel eingefügte Auszüge aus Polizeiakten weisen darauf hin, dass die Filmhandlung auf einem historischen Kriminalfall beruht.
Bearbeiter des Hörspiels ist der Verleger Michael Farin, belleville Verlag, u. a. auch Co-Autor des Films DER TOTMACHER, zudem Bearbeiter zahlreicher Hörspiele und Hörspieladaptionen, z. B. Klaus Manns ‚Mephisto’ und Thea von Harbou / Fritz Langs ‚Metropolis’.

1 Kommentar:

Andre Kagelmann hat gesagt…

Das Feuer, die Stimme, die Qual!

Du betrittst einen lange verschütteten, nun geborgenen Klangraum, und Gustav Gründgens und Peter Lorre und der Schränker und M (der Mörder Hans Beckert) begegnen Dir an diesem dunklen Ort, an dem die Auslöschung eines Lebens verhandelt wird, das selbst Leben ausgelöscht hat. Doch dieses Unterwelttribunal verweist auf mehr – wird doch hier eine Vernichtungsideologie enttarnt, die sich mit Gesetzen zu camouflagieren sucht.

Die anderen Verbrecher indessen störte das in ihrer Hybris nicht: Der berühmte Schlußmonolog des Mörders wird in dem antisemitischen Hertzfilm „Der ewige Jude“ als Beispiel für eine angeblich dem jüdischen Geist entspringende Haltung eingespielt, welche die Schuldfähigkeit psychisch kranker Straftäter negiere. Alles, alles läßt sich pervertieren und brauchbar machen für die eigenen Zwecke, auch das, was für sich selbst steht:

„Immer, immer muß ich durch Straßen gehen und immer spür’ ich, da ist einer hinter mir her. Das bin ich selber. Und verfolgt mich! Lautlos, aber ich höre es doch. Ja, manchmal ist mir, als ob ich selber hinter mir herliefe! Ich will davon, vor mir selber davonlaufen, aber ich kann nicht, kann mir nicht entkommen! Muß, muß den Weg gehen, den es mich jagt! Muß rennen, rennen, endlose Straßen! Ich will weg, ich will weg! Und mit mir rennen die Gespenster von Müttern, von Kindern. Die geh’n nie mehr weg. Die sind immer da! Immer! Immer! Immer! Nur nicht, wenn ich's tue. Wenn ich… Dann weiß ich von nichts mehr. Dann, dann stehe ich vor einem Plakat und lese, was ich getan habe, und lese und lese. Das habe ich getan? Aber ich weiß doch von gar nichts! Aber wer glaubt mir denn, wer weiß denn, wie es in mir aussieht? Wie es schreit und brüllt da innen. Wie ich’s tun muß, will nicht, muß! Will nicht! Muß! Und dann schreit eine Stimme - und ich kann mich nicht mehr hören: Hilfe! Ich kann nicht, ich kann nicht, ich kann nicht, ich kann nicht…“

Wie ein künstlersicher Wesenszug des M-Films die Montagen sind, die Verbrecherorganisation und Staat als analoge Systeme inszenieren, sind auch für das Hörspiel Montagetechniken zentral: Neben das Zusammenspiel von 'alten und neue Stimmen' treten Autopsieberichte aus der geschichtlichen Welt, welche die dem Plot zugrundeliegenden Mordtaten präzise, notwendig nur beobachtend, analysieren – und die so den Illusionscharakter des Hörspiels aufbrechen und den Zuhörer in die Kälte des Seins zurückhohlen: Eskapismus verboten!

Andre Kagelmann