3.7.08

METROPOLIS und gar kein Ende

Wie die ZEIT in ihrer aktuellen Ausgabe (4.7.) großartig berichtet, wird es, durch den nach vielen Jahren vergeblicher gezielter Suche nun überraschend-zufälligen Fund einer argentinischen Kopie von Metropolis aus dem Jahre 1928, doch noch möglich sein, den Torso des bisher einzig in das Weltdokumentenerbe der UNESCO aufgenommenen Werks systematisch filmisch zu ergänzen (siehe dazu die DVD-Studienfassung). Dabei läßt die Materialqualität der 16mm-Kopie, bei der es sich wiederum um die Kopie einer 35mm-Nitrokopie handelt, leider sehr zu wünschen übrig; jedoch gleichviel: Die bisher unbekannten Szenen motivieren für diejenigen Zuschauer, die mit dem Roman, den Thea von Harbou bekanntlich parallel zum Drehbuch strickte, nicht vertraut sind, Handlungszusammenhänge und konturieren Nebenfiguren, die bisher filmisch nur als reine Funktionsträger wahrgenommen werden konnten.

Allerdings findet sich in dem ganzen großen Bericht kein einziges kleines Wort auch nur von der Existenz Thea von Harbous, ja nicht einmal die Erwähnung als Fritz Langs nationalsozialistischer Frau: Wir sind stellvertretend entrüstet bzw. beleidigt! Aber davon ‚abgesehen’: Auf die neuen Szenen freuen wir uns nun ‚perspektivisch’! – Einige Photostrecken und Einzelbilder sind im ZEIT-Magazin Leben bereits jetzt einzusehen.

Bemerkenswert bei dieser in der Tat in ihrem cineastischen Wert überragenden Entdeckungsgeschichte ist allerdings auch die journalistische Inszenierung als spannungsgeladene Enthüllungsgeschichte, inkl. einiger Photos von den diversen Tatorten: Eines zeigt bspw. die Überbringerin der Kopie im Flugzeug, dazu gesellt sich eine ganzseitige Abbildung der authentizitätsverbürgenden Experten im Vorführsaal, nach der Sichtung des Films. Korrespondierend dazu sind in den Bericht der Filmvorführung Reaktionsschilderungen der Abgelichteten montiert: überwältigend! - Dies hätte man so in einem Qualitätsmedium (siehe dazu vielleicht auch den Metropolis Courier in den Händen des Schmalen) eigentlich (noch) nicht für möglich gehalten. Aber es gibt eben Dinge, die sieht man erst sehr spät.

Kommentare:

Ingeburg Peters hat gesagt…

würden sie mir bitte auf die sprünge helfen, ohne dass ich ihren gesamte blog durchforsten muss. ist die metropolis-story von thea von harbou oder nicht? wie erklären sie sich die missachtung und lächerlichmachung der autorin als schundautorin. ich bin publizistin.
viele grüße
ingeburg peters
www.city-zeitung.de

Andre Kagelmann hat gesagt…

Thea von Harbou schrieb parallel zum Drehbuch zu "Metropolis" auch den Roman; dies führte seitens des Ullstein-Verlages zur Ablehnung, weil man einige Handlungsstränge als rein filmisch auffaßte. Der Roman, der 1926 bei Scherl erschien, wurde gekürzt in "Das illustrierte Blatt" abgedruckt. - Getrost kann Harbou als Pionierin des Schreibens im Medienverbund bezeichnet werden: Zur Vermarktungsstrategie von Filmen und Romanen gehörte es auch, daß in Illustrierten bebilderte Berichte vom Set erschienen; die Romane wurden mit Photographien aus den Filmen versehen usf.

Die ‚Kitschfrage’ stellt sich im Œuvre Harbous schon früh: Tatsächlich finden sich immer wieder Handlungsstränge, Szenen und Figurationen, die von zweifelhafter Qualität sind. Zum ‚Allgemeingut’ in der öffentlichen Wahrnehmung ist der Kitschtopos allerdings mit dem Beitrag von Rolf Burgmer in der einflußreichen NDB (im Jahr 1966) geworden. - Übergreifend ist Thea von Harbou übrigens als anspruchsvolle Unterhaltungsschriftstellerin zu charakterisieren.

Damit ist aber nur ein Teilaspekt des Problems benannt, denn insbesondere in der Filmwissenschaft neigt man immer noch dazu, die gemeinsamen Filme von Fritz Lang und Thea von Harbou insofern aufsplitten zu wollen, als daß man künstlerische Qualitäten dem Regisseur, fragwürdige inhaltliche Aspekte (rechtskonservative Topoi oder aber eben ‚kitschige’ Elemente) der Drehbuchautorin anlastet. Es hat zwar immer wieder Arbeiten gegeben, die diese Dichotomisierung durch systematische Analysen widerlegten (zuerst: Reinhold Keiner: Thea von Harbou und der deutsche Film bis 1933. 1984; zuletzt: Georges Sturm: Die Circe, der Pfau und das Halbblut. 2001). Allerdings sind deren Erkenntnisse vom Mainstream der filmwissenschaftlichen Forschung kaum berücksichtigt worden, in die öffentliche Wahrnehmung sind sie nie vorgedrungen.