31.8.09

Realismus als Phantastik oder Warum man ein Grabmal umbaut

Anmerkungen zu Thea von Harbou als Schriftstellerin im Krieg
von Andre Kagelmann

Am 18. September 2009 veranstaltet das 'Filmmuseum Potsdam' einen Abend über Thea von Harbou. Dieser Text dient der 'Einstimmung' auf die Veranstaltung.

Thea von Harbous Roman Das Indische Grabmal, der 1917 vollendet und 1918 veröffentlicht wurde, ist heute nahezu unbekannt. Doch die Geschichte, die darin erzählt wird, kennt man außerhalb von cineastischen Zirkeln vor allem noch durch die Verfilmung von Fritz Lang (1958/59); Richard Eichbergs Version (1937) ist hingegen zu Recht weitestgehend vergessen. Aber bereits 1921 ‚erbaute’ Joe May das indische Grabmal auf Zelluloid – und diese erste filmische Adaption des Romans war künstlerisch auch die gelungenste; Drehbuchautoren waren übrigens Thea von Harbou (1888-1954) und ein gewisser Fritz Lang …

Wenn nun die Romanautorin selbst am Drehbuch beteiligt ist, so kann man eigentlich davon ausgehen, dass sich Roman- und Filmhandlung weitgehend gleichen. In diesem Fall jedoch erfuhr der Plot um das indische Grabmal eine bedeutsame Änderung: So ist es zwar im literarischen und im filmischen Text die Aufgabe des Romanhelden, einer durchaus noch gar nicht so toten Maharani den Ort ihrer baldigen letzten Ruhe zu gestalten. Doch was im Roman noch ein Traum war, wurde im Film zur phantastischen Realität, das Grabmal wurde also gewissermaßen umgebaut. So erzählt die Geschichte nun nicht mehr von dem Traumgebilde eines Fieberkranken Architekten, sondern verkörpert, um mit Todorov zu sprechen, die Konfrontation mit dem Unheimlichen und Wunderbaren in der Realität dieser Welt: Der Traum entwickelt sich zur Realität, die Realität aber wird phantastisch …

Von welcher Realität respektive von welchen Realitäten ist aber hier die Rede? 1917 jedenfalls, dem Entstehungsjahr des Romans, war die Welt eine andere als 1921, dem Erscheinungsjahr des Films. Zwischen diesen vier Jahren liegt gewissermaßen eine Jahrhundert- und Epochengrenze, endete mit dem Ersten Weltkrieg doch das ‚lange’ 19. Jahrhundert, wie Eric Hobsbawm es nannte. Und Thomas Mann spricht in seinem Vorsatz zum Zauberberg vom Weltkrieg als „einer gewissen, Leben und Bewußtsein tief zerklüftenden Wende und Grenze“ (S. 9). – Überhaupt hatte die Literatur viel zu sagen zum Weltkriegsgeschehen, suchten die Schriftsteller doch, wie die Intellektuellen insgesamt, verlorenes gesellschaftliches Terrain ‚zurückzuerobern’: Der Kriegsbeginn und dieser Krieg selber forderten Erklärungen, Interpretationen und Sinndeutungen, v.a. auch deshalb, weil der Kampf des Menschen gegen den Menschen in den – bis dato unvorstellbaren – Materialschlachten eine neue Qualität erfuhr: Der Soldat wurde durch die Maschinisierung des Schlachtgeschehens selbst zum Material degradiert; gleichwohl blieb der Topos vom Helden zentral in der Kriegsliteratur, die zur Zeit des Weltkrieges geschrieben und gelesen wurde. Was aber während des Krieges gelesen wurde, ist nicht das, was wir heute zum Ersten Weltkrieg lesen: Wer kennt beispielsweise noch einstige Bestsellerautoren wie Hellmuth von Mücke, Günther Plüchow oder Joseph Magnus Wehner?

Und damit sind wir wieder bei Thea von Harbou angelangt, denn auch sie zählte zu den bekannten und viel gelesenen Schriftstellern des Weltkrieges. Der literarische Durchbruch gelang ihr mit einem Kriegsbuch, das bereits 1913 erschienen war: Von ihrem Bestseller Der Krieg und die Frauen konnte sie bis zum Kriegsende immerhin etwa 100.000 Exemplare verkaufen; es folgten bis zum Jahre 1917 noch acht weitere kriegsliterarische Schriften. Programmatisch zielten diese didaktischen Werke auf die Integration der Individuen in die ‚Opfergemeinschaft des deutschen Volkes’ und auf Erziehung zur unbedingten Pflichterfüllung gegen das Vaterland. Dabei betrieb Harbou eine strukturelle Gleichstellung von Mann und Frau über den Topos des geschlechtsspezifischen Opfers für das Vaterland.

Das Erstaunliche an Der Krieg und die Frauen war nun, das Thea von Harbou bereits 1913 Kriegsszenarien imaginierte, die mit dem Konstrukt des Augusterlebnisses von 1914 korrespondierten. Im Krieg brach sie jedoch ihre Kriegsliteraturproduktion ab und ließ beispielsweise einen ihrer Protagonisten von der Errichtung eines Grabmals in Indien träumen; die Schrecken des Krieges sind in diesem Werk so fern wie das Land. – Um also auf die unterschiedlichen Konstruktionen von Film und Roman zurückzukommen: Der Film führt letztlich nur konsequent fort, was schon im Roman angelegt ist, nämlich die Flucht aus der Realität und die Zuflucht im Phantastischen. Für Harbou jedenfalls scheint der Erste Weltkrieg schon Ende 1917 obsolet geworden zu sein.

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